Interviews
James Blunt - No Bravery
Der britische Songwriter James Blunt ist zu Gast in Köln. Am Abend wird er mit seiner Band im Gebäude 9 ein Konzert geben. Sein Debütalbum „Back To Bedlam“ erschien still und leise vor einigen Monaten und gibt genug Anlass für ein ausführliches Gespräch im Tourbus.
Crazewire: Du hast jetzt zwei Shows in Deutschland gespielt. Wie war es bisher?
James Blunt: Im Moment ist es ruhig um uns ins Deutschland. Ich bin hier gerade Anfang mit allem. In UK starten wir gerade durch. Wir sind dort gut in den Charts vertreten. Und auch in Italien sind wir am durchbrechen. Dort geht das Publikum richtig mit, doch in Deutschland ist es noch ruhig. Wir hatten ein tolles Showcase in Hamburg und konnten so dort schon mal eine Basis sichern, aber hier ist eben noch stiller.
Crazewire: Nach diesem Auftritt in Hamburg, bei dem viele Pressemenschen anwesend waren, konnte man von einem sensationellen Auftritt lesen. Die Leute waren begeistert. Es hat aber anscheinend nicht genug die Runde gemacht?
James Blunt: Ja gut, es ist aber auch erst vor kurzem gewesen. Es braucht halt seine Zeit, aber wir freuen uns darauf größere Konzerte zu spielen. In Frankreich sind wir gerade auch sehr beschäftigt. Aber die kleineren Shows können auch sehr intim sein. Wenn da nur 30 oder 40 Leute sind gibt es zumindest eine enge Verbindung mit ihnen.
Crazewire: Du hast gerade euren Erfolg in Italien angesprochen. Ich habe gelesen einer deiner Songs läuft in einem Vodafone - Werbespot?
James Blunt: Ja das stimmt. Es ist der beste Weg sich schnell zu verkaufen! Der Song ist in den Airplaycharts an Nummer vier, aber die Single kommt gerade erst in die Läden.
Crazewire: Ist es richtig, dass du eine Zeit lang in Soest gelebt hast?
James Blunt: Ja mein Vater war bei der Armee, daher lebten wir für zwei Jahre in der Nähe von Soest. Direkt am Möhnesee. Ich ging aber in England zur Schule und besuchte meine Eltern in den Ferien.
Crazewire: Also beschränken sich deine Kindheitserinnerungen an Deutschland wohl eher auf die Zeit, die du mit deinen Eltern verbringen konntest?
James Blunt: Ja, also ich erinnere mich an den See. Es war einfach die ganze Zeit sehr aufregend für uns. Im Sommer gingen wir segeln, surfen oder angeln. Und im Winter konnte man auf dem zugefrorenen See Schlittschuh laufen. Ich war damals neun Jahre alt und es war magisch für mich. Als Kind an einem See zu wohnen ist wirklich sehr aufregend.
Crazewire: Der Biografie auf deiner Website ist zu entnehmen, dass dein Vater sehr auf seine Karriere beim Militär fixiert war und nicht das geringste für Musik übrig hatte. Du hast deine erste Gitarre bekommen als du vierzehn warst. Hast du sie dir selbst gekauft?
James Blunt: Ja, das habe ich. Na ja, meine Mutter war gut darin mich zum Instrumente lernen zu bringen. Als ich fünf Jahre alt war musste ich Geige spielen und später mit sieben Jahren steckte sie mich in den Klavierunterricht. Alles klassische Sachen, die ich sehr langweilig fand. Dann mit 14 sah ich in der Schule jemanden auf einer elektrischen Gitarre spielen und das war echt . Ich sparte 100 Pfund, kaufte eine sehr schlechte Gitarre und lernte ein paar Akkorde. Direkt hatte ich musikalische Ideen und habe auch schon immer gesungen. Da sagte ich mir: Ok, ich werde Musiker.
Crazewire: Also war es nicht nur die pure Begeisterung für das Instrument, die dich angetrieben hat. Hast du damals schon versucht deine Gefühle in Liedern niederzuschreiben?
James Blunt: Genau. Besonders in den Jahren als Teenager, wenn du Flausen im Kopf hast. Ich hatte definitiv musikalische Einfälle. Ich habe meine Gefühle in diesen Ideen gefangen. Aber zu dieser Zeit war ich noch nicht besonders gut darin Songs zu schreiben, glaube ich.
Crazewire: Haben es Entwürfe aus dieser Zeit in deine heutigen Lieder geschafft?
James Blunt: Klar haben sich einige Dinge über die Jahre festgesetzt. Aber die meisten davon werden wohl hoffentlich nie an die Oberfläche treten.
Crazewire: Im Alter von 21 Jahren hast du dich dann entschieden zum Militär zu gehen.
James Blunt: Ja, ich habe studiert. Die Army hat meine Studiengebühren bezahlt, also schuldete ich ihnen vier Jahre. Ich hatte also keine wirkliche Wahl. Um das Geld zurückzuzahlen musste ich vier Jahre meinen Dienst ableisten. Aber ich wusste, dass es nur ein Job für mich sein würde, denn ich wollte ja immer noch Musiker werden.
Crazewire: Als du die Entscheidung getroffen hattest, der Army ihr Geld zurückzuzahlen, hast du da jemals erwartet im Kosovo zu landen?
James Blunt: Nein, auf keinen Fall! Aber du bist dumm, wenn du nicht erwartest so was tun zu müssen. Man muss so was wohl erwarten. Ich weiß nicht, darüber mache ich mir nicht viele Gedanken.
Crazewire: Deine Zeit im Kosovo muss sehr hart für dich gewesen sein.
James Blunt: Selbstverständlich waren es extreme Bedingungen. Ich denke aber, es war härter für viele Serben oder Kosovo – Albaner, da sie nicht von einem Panzer geschützt wurden. Ich bewegte mich in einem etwas sichereren Umfeld. Außerdem war ich Teil eines guten Teams und unser Nachschub funktionierte gut. Man wird auch für solche Situationen trainiert.
Crazewire: Der Song „No Bravery“ wurde im Schützengraben im Kosovo geschrieben. Ist es das einzige Lied auf dem Album, das dort entstand?
James Blunt: Ja. Hauptsächlich, weil es einfach keine Zeit gab, die Gitarre rauszuholen. Nur gelegentlich gab es die Möglichkeit etwas zu spielen. Doch für „No Bravery“ brauchte es höchstens zehn Minuten zum Schreiben. Es war keine lange Planung nötig. Der Song ist sehr eindeutig. Es beschreibt, was um dich rum passiert. Die Interpretation war überall.
Crazewire: Beim hören hat man den Eindruck mittendrin zu sein. Man sieht sich um und wird Zeuge dieser furchtbaren Dinge, die tatsächlich passieren. Du warst da, also kannst du so berichten wie es war.
James Blunt: Genau. Es gibt keine Illusionen oder Einbildungen in diesem Lied, kein politisches Statement. Es ist einfach, wie es ist. Das Lied wurde mir von den Umstände eingegeben. Es wäre so, wie hier zu sitzen und zu sagen, da sind Vorhänge, da ist eine Lampe und so weiter. Es geht um die Dinge, die du ringsum dich sehen konntest.
Crazewire: Ich kann mir nicht vorstellen, solche Dinge zu sehen ohne danach ein anderer Mensch zu sein. Bereust du Sachen gesehen und miterlebt zu haben?
James Blunt: Ich denke nicht. Natürlich bin ganz sicher nicht glücklich darüber. Es ist unglaublich, wie Menschen sich in so extremen Situationen verhalten. Es macht mich traurig, dass Menschen so sein können. Aber ich habe keine Alpträume. Und vielleicht ist es gut, wenn man aus sicheren Ländern wie Deutschland oder Großbritannien stammt, solche Dinge zu sehen um zu lernen wie man sie vermeiden kann. Man versteht nur so die Situationen, in die sich Menschen bringen. Es ist gut, für uns glückliche Menschen mit Geld und Bildung zu wissen, wie wir solche Dinge verhindern können. Ich bin also nicht verletzt dadurch, was ich gesehen habe. Besser solche Dinge sehen, als ihnen gegenüber blind zu sein.
Crazewire: Und nun versuchst du diese Erfahrungen in deine Lieder fließen zu lassen? Vielen deiner Stücke haftet eine dunkle Aura an. Sie prangern auf beschreibende, nicht predigende Art an, dass etwas nicht stimmt.
James Blunt: Ich denke die Songs des Albums, da sie sehr persönlich sind, beschreiben generell, was es heißt ein kontrastreiches menschliches Wesen in unserer heutigen Welt zu sein. Und das beinhaltet die Gedanken in deinem Kopf. Die Reise des Lebens bringt viele Gedanken. Seien es über langjährige Freunde, wie in „Billy“ und „So Long Jimmy, oder Freundinnen, wie bei „Good Bye My Lover“ und „You`re Beautiful“. Oder eben extreme Bedingungen, wie „Cry“ oder „No Bravery“. Aber ich versuche mich nicht auf die Erfahrungen aus meiner Militärzeit zu beschränken, denn das wäre einfach langweilig. Jeder Mensch hat seine Erfahrungen im Leben, die seinen Charakter formen. Bei mir waren es eben diese unglaublichen Umstände. Ich versuche also nicht es exklusiv zu machen. Jeder vielschichtige erwachsene Mensch sollte eine Verbindung herstellen können.
Crazewire: Du willst also nicht auf diese Militärzeit limitiert werden? Die Biographie auf deiner Website lässt allerdings befürchten, dass man dich als singenden Soldaten präsentiert. Analog zum singenden Surfer Jack Johnson könnte man dich als „Songwriting Soldier“ promoten. Würde dich das stören?
James Blunt: Wenn es passiert, passiert es. Du kannst es nicht ändern. Und um mich in der Musikwelt bekannt zu machen, wird das ganz sicher geschehen. Wir haben aber gemerkt, da wir am Anfang die Kosovo Zeit nicht erwähnt haben, dass die Leute häufig Fragen dazu gestellt haben. Also dachte ich mir, am besten erzähle ich ihnen einfach alles. Dann werden sie vielleicht irgendwann gelangweilt von den Geschichten und beginnen, der Musik zuzuhören. Dann steht die Musik wieder nur für sich selbst.
Crazewire: Dann lass uns jetzt noch etwas über dein Album reden. Wie du gesagt hast sind viele der Songs, beispielsweise „Billy“, über Freunde oder Beziehungen von dir. Sie gründen also auf existierenden Personen und klingen dadurch sehr ehrlich.
James Blunt: Ja, das sind sie. Jeder Song basiert auf persönliche Erfahrungen von mir. Billy ist zum Beispiel mein ehemaliger Mitbewohner. Er schuldet mir eine Menge Geld und ich weiß, er wird es mir nie zurück geben. Die einzige Möglichkeit mein Geld doch noch zu bekommen, war einen echt unfreundlichen Song über ihn zu schreiben und den zu verkaufen! „So Long Jimmy“ handelt von meinem Songwritingpartner, der mir zu meinem ersten Plattenvertrag verholfen hat. Es war das letzte Stück, das ich geschrieben habe, bevor ich nach L.A. geflogen bin und das Album aufgenommen habe. Daher „So long Jimmy!” Außerdem verweist es auf Jimi Hendrix und Jim Morrison, aber nur weil ich Spaß hatte und etwas rumgealbert habe. Das sind also alles Menschen aus dem wahren Leben. In den Liedern über Mädchen, geht es um meine Exfreundin. Die Lieder dokumentieren meine Erlebnisse. Und ich denke daher können die Leute eine Verbindung herstellen, die sehr offen und ehrlich ist.
Crazewire: Der Song „Wise Men“, zu dem es auf der Homepage auch ein Video gibt, wird meines Wissen von einigen deutschen Radiosendern gespielt. Beim Hören erscheinen zwar Bilder im Kopf, doch kannst du erzählen, worum es in dem Lied geht?
James Blunt: Es geht darin um Gruppenzwänge. Der Druck, von Leuten die dich umgeben, in welcher Situation auch immer. Die Unsicherheit, die du in solchen Situationen erfährst und der Eskapismus, den du benutzt um zu rechtfertigen, wer du bist. Es geht darum, allen anderen zu entkommen. Mit all deinen Fehlern und Lastern.
Crazewire: Das Album wurde erst ermöglicht durch Linda Perry, richtig?
James Blunt: Sie war mein Boss. Sie nahm mich für ihr Independent –Label Custard Records. Ich lernte sie in Austin, Texas beim „South by Southwest“ – Festival kennen. Sie hörte meine Musik und gab mir einen Vertrag. Ich ging mit ihr nach Los Angeles und traf dort mit Tom Rothrock zusammen, der ja auch schon mit Elliot Smith gearbeitet hat.
Crazewire: Setzt dich das unter Druck? Linda Perry hat immerhin schon mit kommerziell sehr erfolgreichen Namen, wie Pink gearbeitet.
James Blunt: Ich kannte sie nicht, daher war das kein Problem. Vor zwei Jahren kannten die Leute sie auch noch nicht so sehr. Sie wussten, dass sie das Pink – Album gemacht hatte und „Beautiful“ von Christina Aguilera kam gerade raus, aber ihr Name war wohl nicht sehr geläufig. Ich hatte einfach das Glück, einen Vertrag bei einem Independent – Label zu bekommen und damit persönlich Einfluss auf das Album nehmen zu können. Statt von einem Major kontrolliert zu werden, war ich richtig eingebunden. Meine Ambition war es immer, meine Songs auf einem Album zu vereinen, von dem ich sagen kann, es ist das endgültige Ergebnis meines Traums. Sie hat das erlaubt. Daher war der einzige Druck der, den ich mir selber machte.
Crazewire: Ich habe gelesen, dass Elton John einige sehr nette Dinge über dich gesagt hat.
James Blunt: Ja, ich habe ihn bezahlt!
Crazewire: Das ist aber wirklich ein großer Name! Wenn jemand dieser Größenordnung so freundlich über dich redet, macht das bestimmt die Runde.
James Blunt: Selbstverständlich. Es ist einfach unglaublich diese Unterstützung zu bekommen. Ich bin sehr dankbar. Er hat uns auch auf Tour mitgenommen, was eine große Ehre und auch sehr hilfreich war.
Crazewire: Ich habe noch zwei Fragen übrig, die ich dir gerne stellen würde. Im Booklet deines Albums dankst du verschiedenen Personen. Eine davon ist Carrie Fischer. Es ist nicht DIE Carrie Fischer, oder?
James Blunt: Doch, ist sie. Ich habe „Good Bye My Lover“ in ihrem Badezimmer aufgenommen. Sie hat dort ein Klavier.
Crazewire: Im Badezimmer von Prinzessin Leiah?
James Blunt: Na ja, sie ist mittlerweile wieder Carrie Fischer. Es war wirklich ein großartiger Ort, um es aufzunehmen. Ich wollte einfach raus aus dem Studio und etwas ganz Besonderes machen. Und sie hat ein sehr gutes Klavier in ihrem Bad stehen. Es war nett zu versuchen in den Song zu kommen, indem du an einem Ort bist, der irgendwie „fucked up“ ist.
Crazewire: Dann dankst du noch deinem imaginären Freund. Hast du ihn mittlerweile gefunden?
James Blunt: An der Stelle war ich einfach gelangweilt. Ich wollte keine endlosen Danksagungen an irgendwelche Leute aus der Plattenindustrie verteilen und dachte es wäre lustig um mich zu amüsieren. Es steckt also kein tieferes psychologisches Problem dahinter.
Crazewire: Vielen Dank für das Interview.
Bastian Küllenberg, Bonn für crazewire.de
